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Agnes von Arnim

Agnes von Arnim geb. von Baumbach in Wiepersdorf, vor 1945

Im Jahr 1957 veröffentlichte Bettina Encke geborene von Arnim einen Beitrag "Zur Geschichte des Geschlechts von Arnim“. Wir veröffentlichen daraus auszugsweise jene Passagen, die sich mit ihrer Mutter Agnes von Arnim geborene von Baumbach und die Wiepersdorfer Jahre beschäftigen.

 

Mein Vater war in seinen Grundzügen ein typischer Mensch des 19.Jahrhunderts. Hervorstechend war sein schrankenloser Individualismus, der in seinen Kinder- und Entwicklungsjahren wohl durch die Art, wie er aufwuchs, noch verstärkt wurde. Er war der älteste von 3 Brüdern. Die Kinder hatten die Mutter im zartesten Alter verloren. Die Söhne lebten ganz abgeschieden mit ihrem Vater, Friedmund v. Arnim, in Blankensee, hatten nur Unterricht von Hauslehrern und kamen erst als Jünglinge auf eine öffentliche Schule. Verhältnismässig spät, mit 32 Jahren, heiratete mein Vater. Er hatte seine Frau auf der Hochzeit seines Bruders Ottmar kennen gelernt und war hingerissen von ihrer Schönheit und ihrem reizenden, kindlichen Wesen. Nach längerem Y/arten gaben meine Grosseltern, denen die Tochter eigentlich noch zu jung war, dem stürmischen Freier ihre Einwilligung. Meine Mutter, Agnes v. Baumbach, war, als sie heiratete, gerade 20 Jahre alt. Auf der Hochzeitsreise liess sie sich wiegen: der Mann, der die Waage bediente, stellte fest: "a Zentnerl" ...

Meine Mutter hatte durch ihre stille, sanfte Art einen beruhigenden Einfluss auf meinen Vater, der manchmal jähzornig und aufbrausend sein konnte. Wir 5 Kinder hatten eine glückliche Kindheit bei unseren Eltern in der gesicherten Welt vor 1914. - Als wir dann heranwuchsen, traten manchmal Konflikte auf, da mein Vater, durch und durch Autokrat, darauf bestand, dass sein Wille in der Familie allein zu gelten hatte. Die Familie empfand er als ein Heiligtum; sie stand ihm über dem Staat und über dem Individuum. Er wollte keins seiner Kinder aus dem Hause geben und zog lieber mit uns nach Neustrelitz, wo wir dann höhere Schulen besuchten, als uns, grösser geworden, in ein Internat zu tun. Grosse Mühe kostete es mich später, die Erlaubnis zu erwirken, in Berlin Malerei zu studieren.

Als ich erwachsen war, machten meine Eltern auch einige Hoffestlichkeiten in Neustrelitz mit, d. h, da mein Vater keine Uniform hatte und auch nicht zum mecklenburgischen Landstand gehörte, konnte er wegen der Etikette-Vorschriften nicht eingeladen werden. In Mecklenburg hatten z. B. alle Beamten Uniform, sogar der Zahnarzt hatte eine, seinem Beruf entsprechend. Ein grosses Problem entstand für das Hofmarschallamt, in welchen Rang meine Mutter eingereiht werden sollte. Nach, langen Überlegungen rangierte man sie unter die Hauptmannsfrauen. Als meine Mutter zum ersten Mal in die Schlosskirche ging, fragte sie den Küster, wo sie sich hinsetzen dürfe. Er wies ihr einen Platz ungefähr in der Mitte der Kirche an. Als jedoch der Küster etwas später ihren Namen herausbekommen hatte, kam er eilig zu ihr und sagte, sie dürfe sich ein Stückchen weiter nach vom setzen. Natürlich blieb sie sitzen, wo sie sass. Wenn man an der Theaterkasse eine Karte lösen wollte, wurde man gefragt: „Sind Sie vielleicht adlig?“ Dann bekam man einen entsprechenden besseren Platz zugewiesen ...

Meine Mutter hatte ein ausgleichendes Wesen und wirkte beruhigend auf die etwas heftige Gemütsart meines Vaters, Unter 8 Geschwistern in einem Beamtenhaushalt aufgewachsen, war meine Mutter von grosser Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, Sie lebte nur für ihre Familie. An Blumen hatte sie grosse Freude und pflanzte mit viel Geschmack im Garten farblich aufeinander abgestimmte Stauden. Als 2 Jahre nach dem Tode meines Vaters mein Bruder Friedmund 1930 heiraten wollte, ging Mutter bereitwillig darauf ein, mit ihren unverheirateten Töchtern von Zernickow nach Wiepersdorf zu ziehen, da Friedmund aus wirtschaftlichen Gründen lieber in Zernickow bleiben wollte. Es war ein Opfer für sie; denn sie hing schliesslich auch an der Heimat ihrer jungen Jahre, aber sie machte nie Aufhebens von sich.

In Wiepersdorf machte ihr die Aufzucht von Hühnern und Puten Spass, Für meine Familie (Encke) und mich war Wiepersdorf ein wahres Ferienparadies. Als die Zeiten in Berlin politisch immer unruhiger wurden, brachte meine alternde Mutter das Opfer, unsere Kinder ganz zu sich nach Wiepersdorf zu nehmen. Sie wurden erst von einer Hauslehrerin unterrichtet und fuhren später von Wiepersdorf aus nach Jüterbog. Noch heute bin ich froh, dass meine Kinder noch einige ungetrübte Jahre auf einem Gute geniessen konnten. Nun ist alles unwiederbringlich dahin.

In den schweren Jahren nach dem Zusammenbruch bedeutete uns Mutter eine grosse Stütze. Ich schrieb an anderer Stelle von der Siedlung, die wir in Wiepersdorf bewirtschafteten. Meine Mutter war damals schon über 70. Mit ihren schwachen Kräften arbeitete sie noch im Garten. Die Hauptsache aber war ihr Dasein selbst. Sie gab allen Halt und Trost. Die Männer des Dorfes, die sich während der ersten Besatzungstage im Walde versteckt hatten, kamen an ihr Fenster, um mit ihr zu sprechen - ja - Frauen, die sich bedroht glaubten, versteckten sich unter ihrem Bett. Die Russen verhielten sich voll ehrfürchtigen Respekts zu ihr. Es war nicht einer, der ihr ein Haar gekrümmt hätte. Dann kam im Herbst 1947 die Ausweisung aus Wiepersdorf. Mutter fand mit meiner Schwester Walpurga, die sie betreute, liebevolle Aufnahme bei ihrer Schwägerin, Else v. Baumhach, in Nentershausen. Dort wohnt meine Mutter noch heute, arm an Gütern, aber geliebt und geachtet von allen, die sie kennen.

 

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