Herrenhaus Wiepersdorf

Wiepersdorf am 9. Juni 2004. Foto Jürgen Stich

Eine Website von Peter Hahn und Jürgen Stich

 

Zwei Monate brauchten die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG und DER TAGESSPIEGEL, um auf den Bericht der MÄRKISCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 28. April 2018 und das dort angekündigte AUS für Schloss Wiepersdorf zu reagieren. Das allein ist schon ein Skandal. Wo aber bleiben die Proteste unserer großkopferten Schriftsteller, Komponisten und bildenden Künstler?  

 

 

 

 

 

 

Dauerkrise eines deutschen Sehnsuchtsorts

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2018

 

Im Konflikt zwischen Kunst und Etat ist der Sieger leicht zu ahnen. Aber so einfach liegen die Dinge hier nicht: Das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf macht Ende Juli zu und sucht einen neuen Betreiber.

 

Vor Jahren forderten zahlreiche deutsche Schriftsteller das relevante politische Personal dazu auf, sich „für das bedrohte Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf in Brandenburg“ einzusetzen. Das Haus sei in Gefahr, weil sich sein Träger „in Liquidation befindet“. Das war am 5. April 2004, nachzulesen in dieser Zeitung, und die Liste der Unterzeichner enthielt Namen wie Christa Wolf, Martin Walser, Günter Grass, Sarah Kirsch, Günter Kunert und Volker Braun. Vielleicht war es eine der ganz wenigen Gelegenheiten, zu denen sich das Bewusstsein einer, sagen wir es hochtönend, gesamtdeutschen Literatur eingestellt hat.

Den Text, den die Autoren damals aufsetzten, könnte man heute gleich noch einmal drucken. Es gebe keinen Ort, schrieben sie, „der die deutsche Romantik so repräsentiert wie Schloss Wiepersdorf, der langjährige Wohnsitz von Bettina und Achim von Arnim“. Was also hat sich geändert? Nun ja, der heutige Träger, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, befindet sich zwar nicht in Liquidation, kann aber die Unterhaltskosten nicht mehr stemmen, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft. Und deswegen ist die Situation für das emblematische Schloss der deutschen Romantik, vierzehn Jahre nach der damaligen Krise, eine ähnliche. Nur dass kein Aufschrei durch die deutsche Kulturlandschaft ging, als die Regionalzeitung „Märkische Allgemeine“ Ende April einen Artikel mit den Sätzen eröffnete: „Das traditionsreiche Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf schließt am 31. Juli 2018 seine Pforten. Niemand weiß, ob es seinen Betrieb je wieder aufnimmt.“

Was dieser Betrieb ist, das zu erahnen fordert ein bisschen Phantasie. Da ist das Ensemble aus Schloss, Garten, Teich und Park, aus Orangerie und Skulpturen und stillen Wegen, in denen man, wenn man möchte, noch den Geist des Ehepaars Bettina und Achim von Arnim spürt. Ein Museum ist auch noch dabei, geöffnet samstags, sonn- und feiertags von 13 bis 16 Uhr, aber nur zwischen Februar und November. Das andere ist der Stipendienbetrieb, die Kunst-, Literatur- und Musikförderung, konkret also die Anwesenheit junger und nicht mehr ganz so junger Menschen, die für ein bis vier Monate in Wiepersdorf leben und arbeiten dürfen, fast so, als hätte jemand die Uhr zweihundert Jahre zurückgedreht.

Ausgewählt werden die Nachwuchshoffnungen von verschiedenen Stellen, die meisten - rund zwanzig im Jahr vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) des Landes Branden bürg. Ein paar auch von Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, wieder andere vom österreichischen Bundeskanzleramt oder von Stiftungen in Finnland, Indonesien oder Marokko. Dass diese Letzteren wirklich eine Vorstellung davon haben könnten, was Schloss Wiepersdorf ist, erscheint unwahrscheinlich. Aber es ist eine rührende Idee, finnische, indonesische oder marokkanische Künstler könnten etwas von der Aura des romantischen Ortes in ihre jeweiligen Heimatländer zurücktragen.

Achtzig Kilometer südlich von Berlin: die Terrasse von Schloss Wiepersdorf an einem schönen Frühsommertag. Der alarmierte Artikel in der „Märkischen Allgemeinen“ liegt sieben Wochen zurück. Aber noch immer hat die Welt nicht ganz begriffen, was sich über dem Künstlerhaus zusammenbraut. Nur die Angestellten hier wissen es, denn ihnen wurde zum 31. Juli betriebsbedingt gekündigt. Roswitha Karbaum zum Beispiel wird demnächst, nach dreißig Jahren im Schloss, zum letzten Mal die Führung für Besucher machen, wie jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr. Die Direktorin, Anne Frechen, ist ohnehin schon im Ruhestand und im Übrigen krankgeschrieben; eine junge Doktorandin mit befristetem Vertrag versieht ihren Dienst. Und für Frau Schallhammer, die seit 39 Jahren in Schloss Wiepersdorf kocht, ist in kaum anderthalb Monaten auch Schluss.

Noch allerdings kocht sie, die freundliche Frau Schallhammer, genau wie ihre Kolleginnen, denn die fünfzehn Stipendiaten, die es noch gibt, gewissermaßen das letzte Wiepersdorfer Aufgebot, müssen etwas zu essen haben. Und so wird an diesem Tag auf der sonnenbeschienenen Terrasse gegessen und geredet und manchmal der unbekannten Künstler gedacht, die im August, September und Oktober eben nicht hier sitzen werden, weil Wiepersdorf bald dichtmacht. Und dann bekräftigen die Stipendiaten, dass etwas geschehen müsse. In einem offenen Brief beklagen sie die „zögerliche und intransparente Haltung“ der Landespolitik und das Fehlen eines Konzepts für die Zukunft des Künstlerhauses, außerdem, dass Künstler an den Überlegungen bisher nicht beteiligt werden. Kommende Woche gibt es dazu im Berliner Brecht-Haus eine Protestveranstaltung und einen Appell, etwas zu unternehmen. Aber gegen wen?

Die Lage ist vertrackt, denn die Institution, die die Schließung beschlossen hat, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), ist zwar Trägerin des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf, aber sie pflegt und erhält die Einrichtung seit 2005 auf der Grundlage eines Treuhandvertrags mit dem Land Brandenburg. Als finanzielle Grundlage erhielt die DSD den sogenannten „Land Brandenburg Fonds“, aus dessen Erträgen das Denkmalensemble erhalten und die kulturelle Nutzung des Hauses ermöglicht werden sollten. Während der ersten drei Jahre, so Steffen Skudelny, der geschäftsführende Vorstand, erhielt die Stiftung außerdem 450 000 Euro jährlich als „Anschubfinanzierung für den Stipendiatenbetrieb“.

Doch die Finanzkrise hat die Zinseinnahmen aus dem Fonds halbiert, bei der DSD sah man das Problem schon vor Jahren am Horizont und konnte nur hilflos zuschauen, wie es größer wurde. Und das, sagt Skudelny, gehe nun einmal nicht: „Satzungsgemäß dürfen wir einen dauerhaft verlustigen Geschäftsbetrieb nicht subventionieren.“ Es war die Chronik eines angekündigten Todes.

Nicht dass die DSD über die Jahre untätig gewesen wäre. Aber sie verkauft Rückzug und Schließung vor allem als Sanierungsmaßnahme: Das Dach muss repariert werden, die Böden sind durchgelaufen, die Wände brauchen einen Strich und so weiter. Doch was ist Wiepersdorf im Kern? Eine Idee, ein Segen, ein schöpferisches Exil für Menschen, die mit knappsten Summen rechnen. „Eine außergewöhnliche Erfahrung“ nennt es der Künstler Reinhard Krehl, der in einem der hellen, großen Ateliers an experimenteller Gartenkunst arbeitet. Das Nest Wiepersdorf mit seinen wenigen hundert Einwohnern hat keine Geschäfte. Zentrum des tobenden sozialen Lebens ist eine Kneipe, „Die alte Schmiede“, die nur freitags öffnet. Die Oldies aus dem Dorf, heißt es, freuen sich, wenn die Stipendiaten einlaufen. Die wiederum finden es nett, einmal die Woche ein gezapftes Bier zu trinken.

Natürlich geht die symbiotische Beziehung zwischen Schloss, Dorf und Region viel weiter. „Wenn ich in der Landschaft meine Kamera aufbaue“, sagt der Fotograf Sven Gatter, „begegnet man mir zunächst mit Skepsis; aber wenn ich sage, dass ich Stipendiat in Wiepersdorf bin, sind die Menschen aufgeschlossen.“ Der Ort sei identitätsstiftend in einer Gegend, „der vieles Identitätsstiftende abhandengekommen ist“.

Doch davon ist bei den Politikern nicht die Rede. Es wird überhaupt wenig kommuniziert. Was das betrifft, gebe es eine gewisse „Asymmetrie“, konzediert eine Stimme aus dem Umfeld des brandenburgischen Kulturministeriums. In der Tat kommt die drohende Abwicklung als reiner Verwaltungsakt daher. Als sie ihren Stipendiengeber, das Land Rheinland-Pfalz, angerufen habe, berichtet die Künstlerin Rieke Köster, habe man dort von nichts gewusst. Von wem auch? Andere Stipendiaten nicken. Das Informationsvakuum breitet sich aus, und niemand rebelliert dagegen - wenn es nicht die Stipendiaten um ihrer Nachfolger willen tun. Von denen allerdings niemand weiß, ob und wann es sie überhaupt geben wird.

Einer der Leute mit der besten Ortskenntnis ist Norbert Baas, 71 Jahre alt, ehemaliger deutscher Botschafter in Jakarta und Vorsitzender des „Freundeskreises Schloss Wiepersdorf“. Seine Schwiegermutter, Clara von Arnim, war die Frau des letzten Eigentümers, eines Urenkels des Dichterpaares. Der Verein unterstützt die Arbeit des Künstlerhauses, gibt Bücher heraus, organisiert Konzerte und pflegt das Museum. Demnächst kommt sogar ein Saal dazu, der auch die wichtige DDR-Geschichte dokumentiert. Wiepersdorf wurde nach 1945 nicht dem sozialistischen Bodenreformprogramm unterworfen, sondern fungierte als Schriftstellerheim, später als Erholungsoase für DDR-Kulturschaffende. Anna Seghers war hier, Peter Huchel, Günter Eich, auch Christa und Gerhard Wolf. ln manchen Gedichten haben Landschaft und Künstlerhaus Spuren hinterlassen, etwa im „Wiepersdorf-Zyklus“ von Sarah Kirsch: „Dieser Abend, Bettina, es ist / Alles beim alten. Immer / Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben / Denen des Herzens und jenen / Des Staats...“

Wir sitzen im Atelier der Malerin Ulrike Seyboth im Berliner Thälmann-Park. Seyboth und ihr Mann Ingo Fröhlich, ebenfalls Künstler, waren im Februar und März als Stipendiaten in Wiepersdorf. Die Konzentration auf die Arbeit, die Gespräche mit Kollegen anderer Disziplinen, all das sei enorm inspirierend. Keine Frage, das müsse für kommende junge Künstler erhalten bleiben. Über die neue Entwicklung sind die beiden bestens im Bilde. Baas wiederum und sein Verein dürfen sich nicht zu sehr hineinhängen, man will beraten, keine Partei sein. Kein indiskretes Wort entschlüpft dem Diplomaten Baas über die brandenburgische Kulturpolitik. Was also soll man sich wünschen? Ein neuer Betreiber muss her, aber einer mit Sinn für die historische Bedeutung des Ortes, am besten auch mit einem Faible für Nachwuchskünstler, denn der Stipendienbetrieb wird viel Geld kosten. Man sollte, sagt Baas, das Dorf in die Planungen einbeziehen. Dass jemand kommen könnte, um das Schloss zu kommerzialisieren und „profitabel“ zu machen, ist unter den Stipendiaten allerdings die größte Befürchtung.

Dann, vor wenigen Tagen, heißt es in den Medien plötzlich, die „Rettung Wiepersdorfs“ sei „beschlossen“. Das ist, gelinde gesagt, Großsprecherei, vielleicht sogar eine Täuschung. Denn im brandenburgischen Haushalts- und Finanzausschuss ist nur über Wiepersdorf geredet worden. Aus dem Umfeld des Kulturministeriums ist zu hören, alle Parteien hätten sich für das Künstlerprogramm ausgesprochen, und das ist gewiss löblich. Der Finanzausschuss-Vorsitzende Sven Petke (CDU) rauschte jedenfalls gleich nach Wiepersdorf, das zu seinem Wahlkreis gehört, um der „Märkischen Allgemeinen“ ein Interview zu geben. Als Schauplatz dafür wählte er den Schlossgarten. Eine Stipendiatin, die den Politiker dort antraf, war verblüfft: Petke, so stellte sich heraus, hatte nämlich durchaus nicht vorgehabt, die Künstler über die jüngste Entwicklung im Landtag zu informieren; er suchte nur nach einem Weg, die frohe Botschaft zu inszenieren. Was besonders peinlich ist, weil Petke, wie Kenner der Szene versichern, bisher nicht durch Wiepersdorf-Engagement aufgefallen ist.

So stochern sie im Problem herum, die einen mit mehr Geschick, andere mit weniger, und sicher ist nur, dass es bis heute, kurz vor der Schließung, keine Instanz gibt, die einem ein Minimum an Klarheit über das Konzept der erträumten Lösung geben könnte. Was nur bedeutet, dass auch Eseleien denkbar sind. Bis Ende 2019 wird der Laden wohl geschlossen bleiben. Es wäre wichtig, ihn im Auge zu behalten, gerade um der Künstler willen, deren Wohl angeblich allen am Herzen liegt."  PAUL INGENDAAY

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Licht auf dem Land

Das Künstlerhaus VViepersdorf wird hoch geschätzt. Trotzdem ist seine Zukunft ungewiss

Der Tagesspiegel, 21. Juni 2018

 

„Es ist dieses unglaubliche Gefühl, den Alltag zu verlassen. Raus aus den bekannten Zusammenhängen." Wenn sich die Berliner Malerin Sibylle Prange an ihre Zeit im Künstlerhaus Wiepersdorf erinnert, sieht man ihr an, wie großartig diese Erfahrung für sie war. Zwei Monate - im Februar und März - konnte die 49-Jährige in der Abgeschiedenheit des renommierten Künstlerhauses im Fläming arbeiten. Sie hatte dort ihre eigenen Räume, ein Atelier, drei Mahlzeiten am Tag, eine „großartige, zugewandte Betreuung“ und den interdisziplinären Kontakt zu anderen Künstlern. In ihrem Fall hat das die Lust am Schreiben auf neue Art geweckt.

Insgesamt 21 Stipendiaten sind in diesem Jahr von einer Jury ausgewählt worden, um einige Monate im ehemaligen Musenhof der von Arnims zu verweilen. Sie sind bildende Künstler, Komponisten und Schriftsteller - und möglicherweise die Letzten, die Schloss Wiepersdorf so nutzen konnten. Denn am 31. Juli wird das Haus auf unbestimmte Zeit geschlossen. Grund sind dringende Sanierungsarbeiten: Das Dach muss gemacht werden, an einigen Stellen regnet es bereits durch. Doch die Schließung i$t nicht nur für den Erhalt der Anlage nötig, sie bildet möglicherweise auch eine Zäsur in der Nutzungsgeschichte. Um sie zu verstehen, lohnt ein Blick auf die jüngere Geschichte des Wiepersdorfer Schlosses mit der schönen Orangerie.

Im Oktober 2005 erwarb die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) das Gebäude für den symbolischen Preis von einem Euro. Verkäufer: die Stiftung Kulturfonds der neuen Bundesländer, ein Nachfolger des ehemaligen Kulturfonds der DDR. Damals, vor 13 Jahren, hatte sich eine Art Dornröschenschlaf über das Schloss gesenkt, das zu DDR-Zeiten künstlerischer Zufluchtsort vor allem für Schriftsteller war. Christa Wolf, Anna Seghers und Ulrich Plenzdorf gehörten zu den Gästen und nutzten den kreativen Raum, um zu schreiben.

Mit dem Verkauf ging nicht nur das Haus an die DSD über, sondern auch „die Rechte zum Betrieb des Künstlerhauses Wiepersdorf“, wie Stephan Breiding, Pressesprecher des brandenburgischen Kulturministeriums, erläutert. „Der Kaufvertrag erhält eine Zweckbindung, nach der die Käuferin das Schloss bis 2019 für kulturelle und gemeinnützige Zwecke nutzen muss.“

2019 - bis dahin wird das Schloss saniert. Und dann? Damals, im Oktober 2005, so erzählt Breiding weiter, habe es einen zweiten Vertrag gegeben. Und darin ging es ums Geld. Der Stiftung Denkmalschutz wurde vom Land Brandenburg ein Treuhandfonds in Höhe von rund 7,64 Millionen Euro übereignet, aus dessen jährlichen Zinsen sowohl der denkmalgerechte Erhalt als auch die kulturelle Nutzung finanziert werden sollte. Doch die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre machten auch der DSD einen Strich durch die Rechnung. „Wir hatte mit rund 500000 Euro im Jahr gerechnet“, sagt Steffen Skudelny, DSD-Vorstand. „Tatsächlich mussten wir mit 200000 Euro jährlich wirtschaften.“ Allein für den Erhalt des Ortes sei viel mehr Geld nötig gewesen.

Die Zinserträge werden vorerst nicht steigen, die Zweckbindung endet 2019 -deshalb ist das Land derzeit im Gespräch mit der Stiftung, um „zu prüfen, wie das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf fortgeführt werden kann“, sagt Pressesprecher Breiding. Modelle dafür seien durch ein vom Ministerium in Auftrag gegebenes Gutachten bereits konzipiert und errechnet worden. Ergebnis: Je nach Modell werden bis zu 723 000 Euro jährlich gebraucht. Dementsprechend sei vom Ministerium ein zusätzlicher Haushaltsbedarf angemeldet worden - über den im Herbst entschieden werde. Immerhin haben in der vergangenen Woche alle Landtagsfraktionen im Finanzausschuss die Fortführung des Betriebes von Wiepersdorf als Künstlerhaus befürwortet.

Doch dieses Statement wird unterschiedlich bewertet. DSD-Vorstand Skudelny spricht von „ungemeiner Freude über die neue Entwicklung“. Und auch Norbert Baas, Vorsitzender des Freundeskreises von Schloss Wiepersdorf, nennt die Nachricht eine Willensbekundung, „Wiepersdorf als Künstlerhaus“ zu erhalten. Die Stipendiaten fürchten dagegen, dass Schließung und Trägerwechsel dramatische Folgen haben könnten. Es sei völlig unklar, „ob und in welchem Umfang das Haus zukünftig als Künstlerresidenz zur Verfügung stehen wird“, heißt es im Aufruf „Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf retten!“, der von allen 21 Stipendiaten dieses Jahrgangs unterzeichnet wurde. Am Montag, 25. Juni, werden sie ab 20 Uhr im Brecht-Haus in der Chausseestraße in einer Protestveranstaltung mit literarischem Rahmenprogramm ihr Engagement für „eines der wichtigsten kulturellen Zentren Deutschlands“ bündeln.

„Für uns ist es schwierig, dass hinter verschlossenen Türen konzeptionelle Überlegungen über die Zukunft des Künstlerhauses angestellt werden, ohne die Künstler oder Vertreter der entsprechenden Berufsverbände einzubeziehen“, kritisiert Sven Gatter, einer der Unterzeichner. Der Fotograf ist bis Ende Juni als Stipendiat im Schloss. Es mache ihn stolz, sich „in die lange Reihe der Wiepersdorf-Stipendiaten einreihen zu dürfen“. Malerin Ulrike Seyboth ergänzt, dass der Aufenthalt ihr ermöglichte, „an die Essenz der Dinge zu kommen“. Sie schwärmt von dem Licht auf dem Land und der wunderbaren Möglichkeit des Rückzugs. „Wir waren hier an einem geschützten, kulturdurchtränkten Ort, der unbedingt erhalten werden muss“, resümiert Sibylle Prange. CLAUDIA SEIRING

Eilmeldung

Schloss Wiepersdorf schließt am 31. Juli 2018

 

Was wir lange befürchtet und auf dieser Website auch deutlich formuliert haben, tritt nun ein.

Das Konzept des Landes Brandenburg für Schloss Wiepersdorf ist gescheitert.

 

Lesen Sie dazu den Bericht der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" vom 28. April 2018.

 

Aus für Schloss Wiepersdorf

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Ein Kommentar zu Wiepersdorf

Brandenburg. Es kann so einfach sein?

 

Mit dem Ausstieg von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aus der „Stiftung Kulturfonds“ hätte das Land Brandenburg erkennen müssen, dass es für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf die Verantwortung übernehmen muss. Doch 2005 geschah das Unglaubliche: Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) unterschrieb einen Zehn-Jahres-Vertrag „über die Erhaltung und kulturelle Nutzung des Schlosses Wiepersdorf“ mit der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ (DSD). Stolz verkündete sie, dass „nach einer wechselvollen Geschichte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ab 2006 die Aufgabe übernommen hat, das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf mit Unterstützung des Landes Brandenburg und des Bundes dauerhaft als Künstlerhaus zu erhalten“.

 

Das Land Brandenburg übergab der DSD treuhänderisch den von der „Stiftung Kulturfonds“ kassierten Anteil von 7,5 Mio. Euro, reichte auch die Bundesmittel von jährlich 450.000 Euro weiter und überließ der DSD die Zinsen aus dem Kapitalstock von 7,5 Mio. Euro. Zu Ende gedacht war das Projekt von der gelernten Mathematikerin Wanka nicht, aber Brandenburg hatte Wiepersdorf erst einmal los.

 

Aufgabe der gemeinnützigen DSD war bis dato die Rettung und Sanierung von historischen Gebäuden und Parkanlagen. Mit dem Künstlerhaus trat sie nun steuerrechtlich als Hotel- und Gaststättenbetreiber auf. Das war vermutlich einer der Gründe, dass die Geschäftsführer in den letzten Jahren immer wieder ausgewechselt werden mussten. Dazu kam der Null-Zins, so dass die 7,5 Millionen Euro keine Erträge brachten. Nicht zu übersehen war, dass das Anwesen mehr und mehr auf Verschleiß gefahren wurde.

 

2016 kündigte die DSD den „Wiepersdorf-Vertrag“. Am 31. Dezember 2018 ist für sie Schluss. Um die Anlage „im optimalen Zustand“ übergeben zu können, wird das Haus am 31. Juli 2018 geschlossen. Keine gute Atmosphäre für das (noch) angekündigte Sommerfest am 22. Juli. Zwei Jahre hatte das Potsdamer Kulturministerium Zeit, sich auf diesen Ausstieg vorzubereiten. Wie meist bei derartigen Rückabwicklungen gibt es Streit: Erhält das Land Brandenburg den Kapitalstock von 7,5 Millionen Euro ungeschmälert zurück oder kann die DSD davon Mittel für die denkmalgerechte Sanierung einbehalten?

 

Inzwischen hat das Kulturministerium die „Metrum Managementberatung GmbH München“ mit einer „Potenzialanalyse“ beauftragt. Dahinter könnte auch eine kommerzielle Nutzung zum Vorschein kommen, ohne Eingriff in das denkmalgeschützte Areal. 2004 konnten „günstig“ Gärtnerei, Heizhaus und Lager der ehemaligen LPG sowie ein Teil des Wirtschaftstrakts erworben werden, so dass das Anwesen im Vergleich zu 1990/91 um ein Vielfaches größer geworden ist – alles Bauland. In Erinnerung ist auch noch, dass der Freundeskreisvorsitzende einst den nahen Flugplatz Reinsdorf ins Gespräch brachte, um seine zahlungskräftige Klientel schneller von und nach Berlin zu bringen. Er selbst, eingeheiratet in die Familie von Arnim, hat jedenfalls unmittelbar neben dem Schloss ein Häuschen mit Garten erworben. Nun sind die Arnims, die unmittelbar nach der Wende erst einmal die Rückübertragung forderten, doch wieder da.

 

Fazit: Wiepersdorf hat nicht zuletzt aus mangelndem Engagement des Landes Brandenburg an Attraktivität verloren. Die Ursachen sind vielfältig. Von Berlin sind es knapp zwei Autostunden. Die Gegend ist schlicht. Gastronomie ist nicht vorhanden. Zehn sonntägliche Führungen im Jahr 2017 sind kein Lockmittel. Das Museum wartet mit einem 25 Jahre alten Konzept auf. Hochkarätige Veranstaltungen finden nicht statt. Die künstlerische Qualität der Stipendiaten ist fraglich. Das Interesse der überregionalen Medien bleibt aus. Diese „Nichtbeachtung“ ist für Schloss und Künstler nicht förderlich. Daher sind auch die Bewerbungen für ein Wiepersdorf-Stipendium rückläufig.

 

Wiepersdorf braucht eine Schloss Wiepersdorf GmbH, der die Gängelei durch das Potsdamer Ministerium erspart bleibt, es braucht für die Leitung keine romantisierenden Kulturwissenschaftler, sondern einen „Ludwig Achim“, der dort als Dichter leben konnte, weil er mit der Gegend umzugehen verstand – und Wiepersdorf braucht für Sanierung und Erhalt des Anwesens sowie für den Betrieb des Künstlerhauses einen jährlichen Zuschuss von rund 1,2 Millionen Euro.

 

Und bleibt dabei immer noch um ein Vielfaches unter den Rahmenbedingungen des Hauses „Villa Massimo“ und der dorthin entsandten Stipendiaten.

 

Das muss das Land Brandenburg leisten. Vom Ministerpräsidenten und seiner Kulturministerin ist nichts zu erwarten. SPD, CDU und Linke haben mit Geist und Kultur sowieso nichts am Hut. Die Aussichten sind schlecht.

 

Peter Hahn, 30. April 2018

Gründungsdirektor des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf 1992

Wiepersdorf: Kurz gefasst

 

Besitzer von Gut Wiepersdorf ist seit 1928 Friedmund von Arnim (1897-1946). Da er sich mit seiner Frau Clara von Arnim (1909-1971) für das Gut Zernikow als dauernden Wohnsitz entscheidet, setzt er für das Gut Wiepersdorf einen Verwalter ein.

 

Seine Schwester Bettina (1895-1971) heiratet 1921 den „Bürgerlichen“ Walther Encke (1893-1941). Beide leben ab den 1930er Jahren mit den Töchtern Gunhild und Ortrud in Wiepersdorf.

 

Bei der Besetzung 1945 durch die Rote Armee sind weder Besitzer Friedmund von Arnim noch seine Frau Clara in Wiepersdorf anwesend. Bettina Encke von Arnim harrt aus und hat entscheidenden Anteil daran, Wiepersdorf als Dichterort zu retten. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass aus dem Gut schließlich 1947 das „Haus der Deutschen Dichterstiftung“ wird – das Fundament für das heutige Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. In den DDR-Jahren wird daraus schließlich die „Arbeits- und Erholungsstätte für Schriftsteller und Künstler Bettina von Arnim“. Träger ist der „Kulturfonds der DDR“.

 

Mit der Wiedervereinigung werden die Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Eigentümer von Wiepersdorf.

 

1992 wird Peter Hahn Gründungsdirektor. Er wandelt das Erholungsheim in das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf um. Die heute noch vorhandene (und leider auf Verschleiß gefahrene) Ausstattung stammt aus dieser Zeit.

 

Mit Jürgen Stich wird 1992 ein wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt. Er ist neben den Führungen durch Haus, Park und Kirche für den Aufbau von Bibliothek, Archiv und die Einrichtung des Museums zuständig, mit dem das Herrenhaus erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

 

Die Eröffnung des Museum ist einerseits geprägt durch die Forderung der „Erbin“ Clara von Arnim nach Rückgabe des Herrenhauses und andererseits ihrem Bestreben, unterstützt vom Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main, das Museum ausschließlich auf die Zeit der Romantik und Bettina und Achim von Arnim auszurichten. Die alles entscheidende Zeit nach 1945, in der der Grundstein für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf gelegt wurde, wird nicht berücksichtigt. Der seit 1992 bestehenden Forderung ist der Freundeskreis bis heute nur zögerlich nachgekommen.

 

Auf Grund der damals schon undurchsichtigen Kriterien für die Auswahl der Stipendiaten wird nach dem Amtsantritt von Peter Hahn im September 1992 eine Jury für die Stipendiatenauswahl gegründet. Sie besteht aus den Schriftstellern Friedrich Dieckmann, Sarah Kirsch, Michael Krüger, Hans Joachim Schädlich, Kunsthistoriker Matthias Flügge, Bildhauer Wieland Förster, Komponist György Ligeti, Historiker Christian Meier.

 

Die Jury sieht für die Stipendiaten folgende Leistungen vor: Stipendium 1.000 DM pro Stipendiat und Monat, Vollpension, Unterkunft, Reisekosten pro Stipendiat bis zu 600 DM sowie pro Stipendiat Materialkosten von 500 DM. Das Land Brandenburg lehnt diesen Vorschlag ab.

 

Nach Auseinandersetzungen über eine von Fachleuten erarbeitete Haushaltsvorlage für eine finanziell angemessene Ausstattung des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf wird der Vertrag mit Peter Hahn auf Betreiben des Landes Brandenburg aufgelöst. Die Jury tritt daraufhin zurück.

 

Schon 1992/93 zeichnet sich ab, dass die „Stiftung Kulturfonds“ keinen Bestand haben wird. Nach dem Ausscheiden der Länder Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird das Land Brandenburg mit dem anteiligen Stiftungskapital von rund 7 Millionen Euro alleiniger Eigentümer von Wiepersdorf.

 

Deutlich wird in der Folgezeit, dass das Land Brandenburg kein sonderliches Interesse am Erhalt des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf hat. Das Land überlässt 2006 der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ Anwesen und Betrieb des Künstlerhauses – eine gravierende Fehlentscheidung, da die gemeinnützige „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ vorrangig die Rettung und Sanierung von historischen Gebäuden und nicht die Bewirtschaftung eines Künstlerhauses zu betreiben hat.

 

Die Null-Zins-Entwicklung gepaart mit steuerrechtlichen Problemen führt zur Entlassung von Geschäftsführern der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ und schließlich zur Aufkündigung des Vertrags mit dem Land Brandenburg zum 31. Dezember 2018.

 
Die Diskussion um die Zukunft des Künstlerhauses in Wiepersdorf hat uns zu dieser Website bewegt. Wir verstehen diese Seiten hauptsächlich als Dokumentensammlung zur Vergangenheit und Gegenwart des Ortes, und wollen nicht verschweigen, dass es auch eine kritische Auseinandersetzung sein wird - um der Sache willen. Die Archivlage zu Wiepersdorf ist kompliziert. Vieles ist noch nicht gesichtet und aufgearbeitet. Betrachten Sie wie wir diese Website als einen Prozess, der im Laufe der Zeit Korrekturen und Ergänzungen erfahren muss.
Aufgrund der schwierigen Überlieferungsgeschichte sind die Quellenangaben bei einigen Dokumenten und Fotos, die wir auf dieser Website zeigen, unsicher. Wir haben dennoch nach bestem Wissen auch in solchen Fällen angegeben, woher die Dokumente und Fotos stammen oder wo sie bereits publiziert wurden. Für Hinweise sind wir dankbar und werden fehlerhafte Angaben umgehend korrigieren.
 

Hintergrund

 

Über 27 Jahre nach der Gründung des „Freundeskreis Schloss Wiepersdorf - Erinnerungsstätte Achim und Bettina von Arnim“ durch Clara von Arnim und Brentano-Forscher Hartwig Schulz ist es dem aktuellen Vorsitzenden Norbert Baas endlich gelungen, auch im Internet präsent zu sein. Unter https://www.freundeskreis-schloss-wiepersdorf.de erfährt man die „Offizielle Vereinsadresse: Freundeskreis Schloss Wiepersdorf - Bettina und Achim von Arnim-Museum e.V., c/o Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift, Großer Hirschgraben 23-25, 60311 Frankfurt am Main, sowie die „weitere Postadresse: Freundeskreis Schloss Wiepersdorf - Bettina und Achim von Arnim-Museum e.V., c/o Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, Bettina von Arnim-Straße 13, 14913 Wiepersdorf“. Mitgeteilt wird, dass es drei Vorstandsmitglieder gibt: Vorsitzender Dr. Norbert Baas, Botschafter a.D., Stellv. Vorsitzende Dr. Friederike Frach, Kulturwissenschaftlerin, Schatzmeisterin Olivia Franke, Grundsatzreferentin für Kultur im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, sowie als weiteres Mitglied: Regina Seidler, Steinbach/Taunus. Ferner existiert ein Beirat mit Tierarzt Dr. Reinhard Anders, MdV a.D., Dr. Claudia Bamberg, Dr. Hildegard Baumgart, Prof. Dr. Wolfgang Bunzel, Dr. Friedrich Dieckmann, Dr. Christian Ehler, MdEP sowie Philipp von Knebel Döberitz-Forssmann.

 

Das weitaus interessantere Projekt wird unter dem Titel „Erweiterung des Museums“ angekündigt: „Der Freundeskreis strebt eine Darstellung auch der Zeit nach 1945 für das Museum im Künstlerhaus an. Am 2. Februar 2018 traf sich auf Einladung des Freundeskreises eine Expertenrunde im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf zu einer ersten Bestandsaufnahme von Ideen und Materialien für eine Erweiterung des Bettina und Achim von Arnim-Museums. Es geht darum, wie die Zeit nach 1945 dargestellt werden kann.“ Dieser Wunsch wurde allerdings schon unmittelbar nach der Eröffnung des Museums im Jahr 1992 geäußert. Nachdem Jürgen Stich 1997 seine von der „Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg“ ausdrücklich empfohlene Arbeit „Die Herrschaft Wiepersdorf im 20. Jahrhundert“ veröffentlicht hatte, gab es sogar eine Forderung nach einer Darstellung „der Zeit nach 1945“.

 

Da auch heute nicht davon auszugehen ist, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird, empfehlen wir bis dahin die Website

 

https://www.herrenhaus-wiepersdorf.de

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